Hermann Bach: „Digitalisierung ist Chef-Sache“

24. Oktober 2019

Im Interview mit Philipp Depiereux spricht Hermann Bach von Covestro über die Digitale Transformation als Unternehmensziel, Maßnahmen und Herausforderungen bei Covestro und über weitere zentrale Ergebnisse der etventure Studie 2019.

Das Meinungsforschungsinstitut GfK hat für die etventure Studie bereits zum vierten Mal eine telefonische Befragung unter 2.000 Großunternehmen in Deutschland ab 250 Millionen Euro Umsatz repräsentativ durchgeführt, um sie zum Stand ihrer Digitalaktivitäten zu befragen. Mit den Ergebnissen sind wir wiederum auf unterschiedliche Menschen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zugegangen und haben sie um Ihre Einschätzung gebeten – darunter Digitalministerin Dorothee Bär, Gisbert Rühl, CEO des Stahlhändlers Klöckner oder Zukunftsforscher Tristan Horx vom renommierten Zukunftsinstitut. Herausgekommen sind spannende Interviews, die auch Inspiration geben, den digitalen Wandel mutig anzugehen. In den nächsten Wochen werden wir diese Interviews nach und nach veröffentlichen.

Heute: Hermann Bach, SVP, Head of Innovation Management & Commercial Services bei dem Werkstoffhersteller Covestro.

Lieber Hermann, die aktuelle etventure Studie hat ergeben, dass erstmals seit 2016 die strategische Bedeutung der Digitalen Transformation in Bezug auf die drei wichtigsten Unternehmensziele sinkt. An welche Stelle gehört die Digitale Transformation aus deiner Sicht?

Die Digitale Transformation ist für uns ganz klar eines der drei wichtigsten Themen, eine Grundlage, ohne die wir unser Geschäft in Zukunft nicht erfolgreich betreiben können. Mittels Digitalisierung können alle internen Arbeitsabläufe effektiver und effizienter gestaltet werden, die Kundennähe kann signifikant erhöht werden, und darüber hinaus sind ganz neue digitale Geschäftsmodelle möglich.

Mit welchen Maßnahmen ist dein Unternehmen in die Digitale Transformation gestartet – und wo steht Covestro heute?

Wir sind mit verschiedenen Leuchtturmprojekten gestartet, denn Digitalisierung ist kein fertiges Konzept, sondern muss mit konkreten Aktivitäten und durch Ausprobieren erarbeitet werden. Heute ist das Thema im Unternehmen breit akzeptiert und es gibt eine Menge Ideen für digitale Projekte und Lösungen mit signifikantem Wertpotential. Deswegen gehen wir jetzt systematischer vor, priorisieren und lenken unsere Mittel gezielt in die Projekte, von denen wir uns die größte Wirkung versprechen. Darüber hinaus investieren wir in die Grundlagen wie z.B. die IT-Infrastruktur, den digitalen Arbeitsplatz und den Aufbau von KI-Kompetenz.

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Welche sind bzw. waren die größten Hürden in deinem Unternehmen? Mit welchen Herausforderungen hattest du hauptsächlich zu kämpfen?

Am Anfang unserer Reise vor mehr als drei Jahren wurde die Bedeutung dieses Themas auch in unserem Unternehmen nicht von allen gleichermaßen hoch eingeschätzt. Das hat sich durch einige erfolgreiche Leuchtturmprojekte mittlerweile komplett geändert. Die Offenheit und das Interesse mitzuarbeiten sind sehr groß. Heute besteht daher unsere Herausforderung eher darin, wie wir „skalieren“ können, d.h. wie wir möglichst alle 17.000 Mitarbeiter beteiligen und so das Wertversprechen der Digitalisierung einlösen.

Wie bewertest du die Tatsache, dass sich die befragten Unternehmen stark auf die Digitalisierung analoger Prozesse oder schon vorhandener Geschäftsmodelle konzentrieren und nicht auf die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsfelder?

In der Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells stecken enorme Wertpotentiale, beispielsweise in besserer Kapazitätsauslastung durch prädiktive Instandhaltung, der Simulation von Experimenten im Computer, der Ausrichtung der Lieferkette nach den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen oder in der größeren Kundennähe mittels digitaler Werkzeuge. Insofern ist es nachvollziehbar, dass hier ein großer Schwerpunkt der Investitionen liegt. Gleichzeitig gibt es große Chancen mit neuen digitalen Geschäftsfeldern, diese Aktivitäten haben jedoch einen starken Start-up-Charakter und sind wesentlich riskanter als Investitionen in die Digitalisierung des Kerngeschäfts. Nicht alle Firmen sind bereit, diesen Weg zu gehen. Wir bei Covestro verfolgen beides, da wir große Chancen in beiden Bereichen sehen.

Interview Hermann Bach

Wie bewertest du die Tatsache, dass knapp jedes zweite Unternehmen glaubt, das Umsatz-Niveau von heute auch ohne jegliche Digitalisierungsmaßnahme in den nächsten drei Jahren halten zu können?

Das mag sogar im Einzelfall zutreffen, denn über kurze Zeiträume wird das Potential neuer Technologien in der Regel überschätzt und über lange Zeiträume in der Regel unterschätzt. Auf längere Sicht kann ich mir nicht vorstellen, dass Unternehmen ohne Digitalisierungsmaßnahmen wettbewerbsfähig sein können, egal in welchem Industriezweig.

Nur 21 Prozent sehen in Tech-Konzernen wie Google oder Amazon ihre stärkste Wettbewerbsbedrohung. Ist es nicht “fahrlässig”, wenn Unternehmen nur ihre direkten Wettbewerber als Gefahr wahrnehmen?

Ja, das halte ich für fahrlässig. Es gibt bereits eine Reihe von ganz unterschiedlichen Branchen, beispielsweise die Medienbranche, die Reisebranche oder die Automobilindustrie, deren Geschäftsmodell plötzlich durch ganz neue, digitale Wettbewerber in Frage gestellt wurde.

Wie schafft man es als Unternehmen, die richtigen Leute für sich zu gewinnen?

Einen nachhaltigen und inspirierenden Unternehmenszweck, sinnstiftende Arbeit, und eine „gute“ Unternehmenskultur, die durch Offenheit, Teilhabe, Vielfalt und Zusammenarbeit geprägt ist.

Wie gelingt eine nachhaltige Qualifizierung der eigenen Mitarbeiter für die Digitale Transformation?

An allererster Stelle steht, dass wir die Mitarbeit an konkreten digitalen Projekten ermöglichen, das Ganze flankiert durch Trainings.

Welche Rolle spielt der CEO / Geschäftsführer bei der digitalen Zukunft eines Unternehmens?

Eine ganz entscheidende Rolle, Digitalisierung ist Chef-Sache, da sie bestehende Arbeitsprozesse unternehmensweit und über Organisations-Grenzen hinweg verbessert und parallel ganz neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Das geht nur mit Unterstützung des CEOs.

Technologien wie Big Data / Smart Data, Plattformökonomie und KI werden aus Unternehmenssicht in den nächsten drei Jahren den größten Einfluss auf das jeweilige Geschäftsmodell haben, allerdings glaubt nur eine Minderheit, dass Deutschland bei den jeweiligen Themen auch eine Spitzenposition einnehmen wird – im Gegenteil. Zu recht?

Im Vergleich zu den USA und China, den führenden Nationen im Bereich Digitalisierung, geraten Deutschland und Europa in der Tat mehr und mehr ins Hintertreffen. Hier muss gegengesteuert werden, in Bezug auf rechtliche Rahmenbedingungen für die Plattformökonomie, hinsichtlich der digitalen Infrastruktur, und auch hinsichtlich Aus- und Weiterbildung. Europa hat mit einer nach wie vor starken industriellen Basis eine hervorragende Ausgangsposition für das industrielle Internet, diese Chancen gilt es zu nutzen.

Wie siehst du die digitale Zukunft der deutschen Wirtschaft? Wie sieht Deutschland 2030 aus?

Die Digitalisierung verläuft nicht linear, insofern halte ich mich mit Prognosen zur Zukunft zurück.

 

Neben Hermann Bach haben sich unter anderem Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung, und Gisbert Rühl, CEO des Stahlhändlers Klöckner & Co, zu den Ergebnissen der etventure Studie 2019 geäußert. Die kompletten Interviews können Sie in der Studie nachlesen.


Hermann BachDie Covestro AG ist ein weltweit führender Polymer-Werkstoffhersteller mit Standorten in Europa, Asien und Amerika. Seit 2016 widmet sich Hermann Bach dem Thema Digitalisierung bei Covestro. Unter seiner Leitung wurde beispielsweise eine innovative, digitale Vertriebsplattform eingeführt, über die Covestro bis Ende 2019 eine Milliarde Euro Umsatz generieren will.


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Autor

Zunächst als Berater, dann als CEO eines mittelständischen Unternehmens mit 250 Mitarbeitern und heute als Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung und Startup-Schmiede etventure beschäftigt sich Philipp Depiereux mit Innovationsprojekten. Gemeinsam mit zwei Partnern gründete er etventure mit der Vision, die Erfahrungen als Unternehmer und Innovationstreiber im Mittelstand, in der Konzernwelt, in Startups sowie in Digitalprojekten im Silicon Valley in einem Unternehmen zu bündeln.

Co-Autor

Christian van Alphen leitet die Kommunikation bei etventure. Darüber hinaus ist er Co-Initiator des ChangeRider: Ein Video- und Podcastformat mit der Mission, die positiven Geschichten rund um den digitalen Wandel zu erzählen und damit Mut für die Zukunft zu machen.

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