Die saturierte Gesellschaft in Europa: Wo geht die Reise hin?

18. Juli 2019

Europa stehen schwierige Zeiten bevor und kein Land alleine ist stark genug, um im globalen Wettlauf um die Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz mitzuhalten. Es geht nun darum Europa nachhaltig zu stärken und zukunftsfest zu machen. Nur so können wir verhindern, dass wir mit unserer wirtschaftlichen Position, aber auch mit unseren Werten unter die Räder der Zeitgeschichte kommen. Europa muss sich wieder stärken und sich seiner Werte bewusst werden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde nun eine deutsche Frau zur Präsidentin der EU-Kommission gewählt: Ursula von der Leyen – die zukünftige Stimme Europas.


Ein neuer Abschnitt in Europa beginnt: Ursula von der Leyen ist die neue EU-Kommissionspräsidentin. Doch es bleiben noch viele Fragen offen, bis sie im November Jean-Claude Juncker an der Spitze der EU-Kommission ablösen wird. Erstmalig eine deutsche Frau an der Spitze der EU-Kommission – sie trägt Europa im Herzen und wir sollten ihr eine Chance geben. Denn gemeinsam werden wir uns in der nächsten Zeit alle die Frage beantworten müssen: In welchem Europa wollen wir zukünftig leben? Und welche Herausforderungen müssen wir meistern, damit auch unsere Kinder eine Zukunft in Europa haben?

Wir müssen aufwachen

Schaut man sich heute um, stellt man schnell fest: In unserem friedlichen Europa scheint so mancher es sich bereits sehr bequem gemacht zu machen. Wo einst der Erfindergeist keine Ruhe fand, scheinen die Gemüter heute satt und zufrieden. Doch wo sind die Impulsgeber, die mutigen Erfinder und Pioniere in diesem Land? Vor einem Jahr saß BDI-Präsident Dieter Kempf bei mir im ChangeRider. Wir sprachen über die Entwicklung unserer Gesellschaft und warum es so scheint, als würde sie sich eher gemütlich zurücklehnen, anstatt aktiv für Veränderung anzutreten. Der BDI-Präsident erklärte mir im Gespräch: „Wir sind in Deutschland eine alternde und saturierte Gesellschaft.“ Auch ich beobachte, dass Europa vielen Konflikten dieser Welt eher aus dem Weg geht und der Kontinent im Rentenalter vielerorts fast Konsens zu sein scheint.„Die Chance, dass nahezu revolutionäre Impulse aus so einer Gesellschaft kommen, ist eher gering“, so Kempf im Changerider. Bleibt das Volk der Entdecker heute lieber zuhause und sonnt sich in seinem Wohlstand?

Eins ist auf jeden Fall klar: Die Chinesen investieren zurzeit weltweit und schlafen nicht. Neben neuen Innovationen und dem massiven Erwerb von Immobilien, machen sie die neue Seidenstraße zum größten Infrastrukturprojekt in Europa. In Deutschland allerdings wird jemand, der etwas Neuartiges bewegen will, erstmal ausgebremst: Das geht nicht, das darfst du nicht, das funktioniert nicht – so die Bedenkenträger. Schon 1977 dachte die Deutsche Bundesregierung darüber nach „gefährliche Rollbretter“aufgrund eines zu hohen Unfallrisikos zu verbieten. Heute sind die Skateboards von der Straße nicht mehr wegzudenken. Diese Haltung hat sich aber leider auch im Jahr 2019 nicht verändert: Der Einsatz von E-Scootern wurde heftig diskutiert – sie seien zu schnell, zu unsicher, zu gefährlich. Natürlich lohnt es sich eine Innovation auf Sicherheit zu prüfen. Dennoch bremsen wir uns oftmals unnötig aus und diskutieren noch, während andere Länder bereits an uns vorbeiziehen. Was es braucht? Aus meiner Sicht wieder mehr Mut und Offenheit für Innovation und Ideenreichtum in Europa.

Es geht um die Verteidigung unserer Werte

Was uns Europäern droht? Ein Szenario, indem wir nicht mehr leben können, wie wir leben wollen, weil Andere die Spielregeln machen. Im Zweikampf zwischen USA und China kann Europa sehr schnell den Anschluss verlieren. Wir müssen wieder aufstehen: Für unsere europäischen Werte, unsere Meinungsfreiheit und Privatsphäre, damit wir nicht auch irgendwann nach einem Punktesystem leben müssen. Letztlich wollen wir im Technologiewettrennen bestehen und dazu braucht es ein starkes Europa. Das bedeutet aber auch, dass wir unser Bildungswesen revolutionieren müssen, die Arbeitswelt der Zukunft erlebbar machen sollten und die Politik auffordern müssen, schneller zu werden. Und schließlich dürfen wir eine Sache nicht vergessen: unsere Umwelt! Erst die Fridays for Future-Bewegung hat viele Unternehmer und Politiker aufgeweckt und gezeigt, dass es so nicht mehr weitergeht. Uns läuft die Zeit davon und wenn wir uns nicht alle gemeinsam für unsere Umwelt einsetzten, müssen unsere Kinder die Konsequenzen dafür tragen. Deshalb braucht es europäische Lösungen, mit denen wir gemeinsam um unseren Planeten und das Leben auf dieser Erde kämpfen.

Sinnvoll investieren

Einer der wichtigsten Schritte ist das Investment in Forschung. Warum? Nur so können wir auch zukünftig unseren Erfindergeist fördern und unsere Position stärken. Während die deutsche Bundesregierung für Künstliche Intelligenz gerade mal drei Milliarden Euro bis 2025 investieren will, haben zumindest die EU-Kommission und die nationalen Regierungen beschlossen bis 2020 rund 20 Milliarden Euro zu investieren. Wie gut in Deutschland derzeit investiert wird, darüber lässt sich streiten. So hatte der Autokonzern VW vor fünf Jahren beispielsweise das höchste Forschungs- und Entwicklungsbudget (F&E) der Welt. Wo wurde das Geld ausgeben? Etwas ketzerisch formuliert: In Spaltmaß und Reduzierung des durchschnittlichen Dieselverbrauchs von 5,2l / 100 km auf 4,9l / 100 km. Dabei hätte dieses Geld ebenso gut in neue digitale, disruptive Geschäftsmodelle und richtungsweisende Innovationen fließen können. Wo würde VW heute stehen, wäre das Geld schon damals in hohem Maße und auf Basis radikaler Nutzerzentrierung in Themen wie E-Mobility, autonomes Fahren, in innovative Mobilitäts- oder Shared Economy-Konzepte investiert worden? Dann hätte man sich die „Schummelsoftware“, um Innovation vorzutäuschen, wenigstens sparen können.

Es braucht Mut zum Risiko

Müssen wir uns neu erfinden? Ja, aber vor allem müssen wir Offenheit und Bereitschaft für Risiken entwickeln. Angefangen beim Risikokapital – dann haben wir auch eine Chance auf Innovation. Finanzierungen bis 500.000 € sind in Deutschland oftmals zu bekommen, bei Summen darüber hinaus wird die Luft oft dünn. Die große Anschlussfinanzierung leisten leider zu häufig die USA und immer häufiger ebenfalls die Chinesen, die in bestehende Startups investieren. Dann wandert das Geschäftsmodell nicht selten gleich mit. Die Grundlagenforschung findet bei uns statt, monetarisiert wird dann außerhalb der EU – Arbeitsplätze und Steuern inklusive.

Risikobereit sollten auch die europäischen Bürger und Unternehmer sein: Nicht immer nur mit Gegenargumenten feuern, sondern versuchen, auch andere zu motivieren, zu inspirieren und offen für das Neue zu sein. Natürlich gibt es immer zahlreiche Gründe warum etwas nicht funktionieren könnte. Aber ohne die mutigen Querdenker, Pioniere und innovativen Erfinder kommen wir nicht weiter. Das sichere Leben in Europa dürfen wir nicht als Selbstverständlichkeit betrachten und unser Wohlstand, in dem sich viele sonnen, erst recht nicht. Aber auch bei der Bewältigung von internationalen Aufgaben und Konflikten müssen wir uns warm anziehen und Risiken eingehen. Unsere Politik muss eine Interessenvertretung der europäischen Bürger in der Welt werden und darf sich nicht der Verantwortung entziehen. Wir geben uns zu schnell zufrieden, wenn wir unsere Moral hochhalten – währenddessen verschieben Andere die wirtschaftlichen, politischen, militärischen Achsen. Wer glaubt, das ginge uns nichts an, landet im Museum.


Changerider:


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Prof. Schmieder 26. Juli 2019 · 15:23

Herr Prof. Kempf hat vollkommen recht. Wir sind derzeit dabei in Europa und speziell in Deutschland unsere Zukunft und das Erbe unserer Väter und Mütter zu verspielen. Inzwischen macht sich der Geburtenstreik der Feministinnen bemerkbar, die ohne Kinder eine Absicherung der Alters- und Gesundheitsversorgung erwarten. Die Steuern und Abgaben auf angestellte Mitarbeiter lässt viele demotivierte Mitarbeiter und Unternehmer zurück. Das Dilettantenkabinett in Berlin und Brüssel schafft ständig neue Probleme. Die Parteien und die Regierung werden durch die Journalistenarmee gestützt, die die Bürger aufgrund fehlender Intelligenz, Kompetenz und Verantwortungsgefühl falsch informiert. Sowohl meine Gespräche mit Politikern als auch mit Journalisten zeigten mir, dass Ihnen jegliches Wissen über die Gesellschaft, die Menschen und die Wirtschaft fehlt. Sie sind der Meinung, ihre Vorlieben wären auch für eine ganze Gesellschaft gut.

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Marie-Christin Bergmann Moderator 8. August 2019 · 16:42

Danke für diesen spannenden Kommentar! Wir sind auch der Meinung, dass wir aufwachen müssen, damit Europa auch in Zukunft eine Chance hat.

Orlando 26. Juli 2019 · 12:39

Richtig ist die europäischen PolitikerInnen schlaffen seit Jahrzehnten, spätestens seit 1989, und unterdrücken den Wunsch der Bürger nach einer nachhaltigen sozialen demokratischen Veränderungen, während sie gleichzeitig die Interessen der Bürger an die Lobbyisten (Diesel Gate, Glyphosate, CETA Schiedsgerichte, Energiewende, …) und ihre Geldgeber verkaufen.

Gleichzeitig beschließen sie gute Dinge (Schengen, EURO, …) aber sie tun die falschen Dinge um sie umzusetzen und machen diese Dinge auch noch falsch. (Note 5 bis 6).

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Marie-Christin Bergmann Moderator 8. August 2019 · 16:39

Danke für deine Meinung zu diesem Thema. Es gibt noch viele Stellschrauben, für ein innovatives und soziales Europa.

Stephanie 25. Juli 2019 · 15:48

Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel. Es lohnt sich in Startups zu investieren!

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Marie-Christin Bergmann Moderator 8. August 2019 · 16:33

Hi Stephanie, danke für dein Feedback. Wir freuen uns, dass dir der Beitrag gefällt!

Autor

Zunächst als Berater, dann als CEO eines mittelständischen Unternehmens mit 250 Mitarbeitern und heute als Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung und Startup-Schmiede etventure beschäftigt sich Philipp Depiereux mit Innovationsprojekten. Gemeinsam mit zwei Partnern gründete er etventure mit der Vision, die Erfahrungen als Unternehmer und Innovationstreiber im Mittelstand, in der Konzernwelt, in Startups sowie in Digitalprojekten im Silicon Valley in einem Unternehmen zu bündeln.

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