Digitale Erschöpfung – Ein Gastbeitrag zu #BetterWork

Das Neue Arbeiten ist gerade schwer in Mode. Aber die Anzeichen mehren sich, dass mehr Flexibilität, Mobilität und eine Kultur der permanenten Kollaboration neue Probleme mit sich bringen. Unser Gastautor Markus Albers, Mitgründer von Rethink und Neuwork, plädiert für eine gesellschaftliche Debatte über die Schattenseiten des Trends. Sein Buch „Digitale Erschöpfung“ zeigt mögliche Wege, für einen gesunden Umgang mit der digitalen Welt. Ein Beitrag zur Blogparade #BetterWork.


Neues Arbeiten

Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Mitgründer von Neuwork. (Photo Credit: ©Tobias Kruse)

 

Das eigentliche Versprechen der Neuen Arbeit war es nie, Technik um ihrer selbst willen einzusetzen. Es ging darum, mit neuen, intelligenteren Arbeitsweisen effizienter zu sein. Dann zu arbeiten, wenn man am produktivsten ist. Zwischendurch private Dinge erledigen zu können und so die Arbeit von acht oder neun Stunden in fünf zu erledigen. Das geht, davon bin ich fest überzeugt, das habe ich oft genug selbst ausprobiert. Die spannende Frage ist ja nur, was wir mit den gewonnenen drei bis vier Stunden machen sollen? Nach meiner Theorie: Alles, bloß nicht arbeiten!

Lebensverdichtung statt Arbeitsverdichtung

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Wir quetschen immer mehr Leistung und Ergebnisse in unseren Tag, stehen ständig unter Strom, schalten nie ab. „Arbeitsverdichtung“ nennen Experten das. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Schon weil die Arbeit längst auch unser Privatleben erreicht hat. „Lebensverdichtung“ wäre ein passenderer Begriff. Die Manie, To-do-Listen abzuarbeiten, wird zum Mantra.

Einige Zahlen: 84 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind erreichbar, nachdem sie das Büro verlassen haben. 46 Prozent geben an, keine 5-Tage-Woche zu haben, sondern auch abends und an den Wochenenden zu arbeiten. Die Deutschen leisten durchschnittlich rund drei Überstunden pro Woche, und nicht einmal die Hälfte dieser Überstunden wird bezahlt. Tendenz steigend. Zudem ist die Mehrheit der Beschäftigten auch während des Sommerurlaubs für Kollegen, Vorgesetzte und Kunden erreichbar. 67 Prozent antworten auf dienstliche Anrufe, E-Mails oder Kurznachrichten, so eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. 20 Prozent arbeiten mit ihrem Smartphone, Tablet oder Computer, kurz bevor sie schlafen gehen.

Kein Wunder also, dass Krankenkassen Alarm schlagen. Über 50 Prozent aller von ihnen Befragten haben regelmäßig Schlafprobleme, 13 Prozent sogar jede Nacht. Die Zahl der Fälle von psychischen Erkrankungen, die wohl auf Stress zurückzuführen sind, stieg seit 1994 um 120 Prozent. Durch psychische Erkrankungen verursachte Fehlzeiten erhöhten sich in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent. „Flexibilität braucht klare Schranken“, mahnt der AOK- Verband. Ein frommer Wunsch – der Trend geht in die andere Richtung: Mehr als zwölf Prozent der Vollerwerbstätigen arbeiten über 48 Stunden pro Woche – also mehr als gesetzlich erlaubt, bei den Selbstständigen sind es sogar 53 Prozent. All das kostet nicht zuletzt eine Menge Geld: Die wirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf 225 Milliarden Euro pro Jahr – eine Zahl, die weiter steigen wird.

Anti-Stress-Verordnung vs. Lockerung des Arbeitszeitgesetzes

Deutsche Arbeitgeber und Gewerkschaften streiten sich derweil nicht nur um die Lösung des Problems, sondern über die Frage, ob es überhaupt eines gibt. Politiker scheinen unsicher, auf welche der beiden Seiten sie sich schlagen sollen. So fordern Gewerkschaften schon seit Längerem eine sogenannte Anti-Stress-Verordnung. Diese soll verhindern, dass Angestellte mehr als acht Stunden täglich arbeiten und während der Freizeit berufliche E-Mails erledigen müssen. Arbeitgeber hingegen wollen, dass betriebliche Schutzmaßnahmen freiwillig bleiben und drängen in die entgegengesetzte Richtung.

Weil nach Rechnung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mittlerweile zwei Drittel aller Beschäftigten einen digitalisierten Arbeitsplatz haben, fordern diese eine Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes, vor allem der sogenannten Mindestruhezeit von elf Stunden. Das Arbeitszeitgesetz schreibt den Acht-Stunden-Tag vor, lässt aber schon jetzt viele Ausnahmen zu. Die Arbeitgeber fordern stattdessen, das Arbeitszeitrecht von einer Tageshöchstarbeit auf eine Wochenarbeitszeit umzustellen.

Wir sprechen keineswegs nur von einem deutschen Phänomen. In Großbritannien gehen geschätzte zehn Millionen Arbeitstage aufgrund von Stressbelastung verloren. Um vor allem die viel zitierte Work-Life-Balance besser auszutarieren, setzen auch dort viele Unternehmen sowie die Regierung auf flexible und mobile Arbeitsmodelle. Mediziner fürchten jedoch zunehmend, dass gerade diese den Stress nur vergrößern. Ohne feste Kernarbeitszeiten arbeiten die Menschen ständig ein bisschen: Jede E-Mail und jeder Anruf, die bzw. die wir außerhalb unserer Arbeitszeit beantworten, erhöht laut Psychologen den Stresslevel.

Das Problem wird zunehmend allgegenwärtig: Laut einer aktuellen Studie verbringen Erwachsene schon heute mehr Zeit mit Technologie als schlafend im Bett. Die alte Präsenzkultur, in der jeder so lange im Büro bleiben musste wie seine Kollegen, wurde abgelöst durch eine neue, erbarmungslosere: Jeder glaubt, er müsse online genauso regelmäßig und lange erreichbar sein wie sein Team, seine Kunden, seine Vorgesetzten. Laut einer groß angelegten Metastudie, für die über 600.000 Erwerbstätige in Europa, den USA und Australien untersucht wurden, erhöhen überlange Arbeitszeiten das Schlaganfallrisiko um ein Drittel.

„Die Frage, ob die neue Arbeitswelt kommt, ist eindeutig beantwortet: Ja, sie kommt.“

Die Zukunft der Arbeit ist schon da – aber ist sie ein riesiger Fehler? Noch vor wenigen Jahren wurde diskutiert, ob mobile und flexible Arbeitsmodelle auch für Festangestellte eine Modeerscheinung sind, ein Phänomen aus dem Silicon Valley, das hierzulande höchstens Technologieunternehmen adaptieren. Das Bild hat sich radikal gewandelt: Die Frage, ob die neue Arbeitswelt kommt, ist eindeutig beantwortet: Ja, sie kommt. Die Frage, die sich Unternehmen jetzt stellen, ist: Wie kommt sie? Was müssen wir tun, damit wir mitspielen können? Die Frage, die wir uns alle stellen müssten, lautet: Wie können wir die Entwicklung so gestalten, dass unser Leben, wie wir es kennen, nicht fundamentalen Schaden nimmt?

Es ist eine schmerzhafte, aber nicht von der Hand zu weisende Erkenntnis: Die technologisch getriebene Arbeitsrevolution, die uns von Anwesenheitspflicht und Schreibtischzwang befreien und uns mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit und Lebensqualität bringen sollte – sie versklavt uns nun auch jenseits des Büros. Das hat drei Gründe:

  1. Ökonomisch/arbeitsorganisatorisch:
    Unternehmen müssen verstehen, dass sie nicht das Neue einführen und das Alte trotzdem beibehalten können. Wenn Arbeitgeber erwarten, dass ihre Mitarbeiter noch mal den Rechner aufklappen, wenn die Kinder im Bett sind, und am Wochenende Mails beantworten, dann können sie nicht gleichzeitig verlangen, dass sie am nächsten Morgen wieder um 9 im Büro sind und bis 18 Uhr bleiben. Die Versuche, das Thema mit Regeln einzugrenzen, wirken bislang gestrig und naiv: Wenn bei Volkswagen abends die E-Mail-Server ausgehen, mailen die Mitarbeiter eben vom Privat-Account weiter. Wenn Daimler alle im Urlaub eingegangenen Nachrichten automatisch in den Papierkorb des E-Mail-Programms verschiebt, dann sagen selbst die Teilnehmer eines von mir vor einiger Zeit geleiteten Führungskräfte-Seminars, dass sie das keineswegs entspannter macht, im Gegenteil.
  2. Menschlich/psychologisch:
    Wir erleben gerade einen massiven Kulturwandel. Es gibt ganz neue Werkzeuge, mit denen wir über Raum und Zeit hinweg mit anderen kommunizieren und zusammenarbeiten können. Uns fehlen aber die Absprachen, wie wir mit diesen Werkzeugen umgehen wollen. Wir haben schlicht nicht genug Zeit, Konventionen zu entwickeln. Denn die digitale Transformation schreitet nicht langsam fort, sie reißt uns förmlich mit sich. Während Angestellte in großen Unternehmen noch darüber diskutieren, wie viele Empfänger man bei E-Mails CC: nehmen sollte, kaufen ihre Chefs bei Technologieanbietern längst digitale Kollaborationsplattformen, mit denen man von überall Dokumente austauschen, Projekte managen und sich über die Arbeit unterhalten kann. Die, gerade weil sie so praktisch und allgegenwärtig sind, ihre global vernetzten Tentakel noch fester um unser Privatleben schlingen.
  3. Gesellschaftlich/politisch:
    Der Gesetzgeber hinkt der Debatte permanent hinterher. Während das Arbeitsministerium versucht, sich dem Thema unter dem Stichwort Arbeiten 4.0 mit live ins Netz übertragenen Diskussionsrunden und Positionspapieren voller Buzzwords wohlwollend zu nähern, während Gesetzesinitiativen gegen Arbeitsstress versanden und die Arbeitgeberlobby zugleich am Arbeitszeitgesetz sägt, schafft die ökonomische Macht des Faktischen in Form neuer IT, Architektur und Arbeitsabsprachen in Unternehmen neue Fakten. Die Frage ist ja: Welche Weichen müssen jetzt gestellt werden, damit die nächste Generation nicht in einer Welt aufwächst, die so keiner wollte? Die einfach passiert ist.

 

In Vorträgen erzähle ich gern, dass ich zwei kleine Töchter habe. Und dass, wenn die beiden in vielleicht 15 Jahren ins Berufsleben eintreten werden, sie mich bestimmt fragen: „Papa, was war eigentlich dieser Feierabend?“ Das gibt meistens einen Schmunzler, manchmal auch besorgt gerunzelte Augenbrauen im Publikum. Aber ich meine das ernst: Konzepte wie der regelmäßige Weg zur Arbeit, der Nine-to-five-Tag, das Büro als Ort, wo Aktenschränke und Kopierer stehen – oder eben der für alle gleiche und verbindliche Feierabend mit all den kulturellen Konnotationen, die daran hängen – werden dann nur noch Nostalgie sein. Ich habe immer die Vorteile der Selbstbestimmtheit betont. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht ist der Feierabend gar nicht altmodisch, sondern im Gegenteil hochmodern. Vielleicht brauchen wir ihn dringend zurück. Vielleicht lohnt es sich, für ihn zu kämpfen.

 

Sie haben ebenfalls eine Meinung zu #BetterWork? Dann nehmen Sie noch bis 31. August an unserer Blogparade teil!

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Autor

Doris Bärtle ist PR Managerin bei etventure. Zuvor arbeitete sie im Bereich Unternehmens- und Markenkommunikation und im Event Management.

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