Der Siegeszug der Emotionen im Zeitalter der Digitalisierung

19. Februar 2019

Lust auf Zukunft? Wir wissen alle: Wirtschaft und Gesellschaft verändern sich. Aber was sind die großen Treiber, die für den globalen Fortschritt und Innovationen sorgen? Wir berichten auf dem #GameChanger-Blog regelmäßig über Digitalisierung, neue digitale Geschäftsmodelle, Trends und Innovationen. Mit dem Zukunftsinstitut (https://www.zukunftsinstitut.de/) haben wir einen spannenden Partner gewonnen, die als Gastautoren hier nun unter dem Titel „Lust auf Zukunft?“ regelmäßig über die Megatrends und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft berichten und damit die Perspektive auf unsere Zukunft noch einmal zusätzlich erweitern.


Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts über Emotionen als Treiber menschlichen Handelns, wie sie unser zukünftiges Wirtschaften prägen und warum es in Zeiten, in denen Maschinen, Algorithmen und Co. uns immer mehr rationale Aufgaben abnehmen, wieder viel stärker auf menschliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Qualitäten sowie den Umgang damit ankommt.

Das Emotionen den Umsatz ankurbeln ist ja kein Geheimnis. Die Erkenntnis gibt es schon länger. Trotzdem spricht ihr Zukunftsinstitut jetzt vom “Siegeszug der Emotionen”. Warum erkennt man erst jetzt das Potenzial?

Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Das heißt, solange es den Mensch gibt, setzen wir Emotionen bewusst oder unbewusst ein. Aber wir erleben gerade, dass das Spiel und der Umgang mit Emotionen eine neue Phase erreicht. Unser öffentlicher Diskurs beispielsweise ist enorm überemotionalisiert und kennt meist nur noch Schwarz oder Weiß. Sie brauchen nur die Zeitungen aufschlagen. Eine emotionale Story jagt die nächste. Globaler Handelsstreit, Flüchtlingsströme, politischer Rechtsruck – die Welt scheint in der Dauerkrise gefangen zu sein. Das Paradoxe daran: Genau das Gegenteil ist der Fall.

Inwiefern?

Entgegen dem Gefühl „Früher war alles besser“ gab es tatsächlich noch nie eine bessere Welt als die, in der wir heute leben. Noch nie war die Welt so gut und sicher wie heute. Was uns verloren gegangen ist, ist der Zukunftsmut. Es braucht wieder Mut, sich selbst ein realistisches Bild von der Zukunft zu machen, den Angstpredigern und Populisten zu trotzen und auf die eigenen Stärken zu vertrauen. Ich halte es für eine Riesenaufgabe, die Fähigkeit der Menschen zu trainieren, sich in einer Zeit der Angst wieder eine Vorstellung von einer gestaltbaren und formbaren Zukunft zu machen. Klar, das ist nicht einfach. Die Gesellschaft ist zwischen extremen Wahrnehmungen hin- und hergeworfen, Emotionen dominieren in diesen Zeiten der Mehrdeutigkeit – und prägen natürlich die Art und Weise, wie wir morgen wirtschaften werden. Sie sind die wichtigsten Treiber menschlichen Handelns.

Welche Auswirkungen haben Emotionen konkret auf die Wirtschaft?

In der Regel betrachten wir das Thema Emotionen ausschließlich von der Kunden oder Mitarbeiter Seite her. Es ist aber wichtiger denn je, dabei das ganze System Wirtschaft in den Blick zu nehmen. Wirtschaft wurde ja immer als das kühl rationale System verstanden, das den Menschen mit all seinen Emotionen nicht braucht. Genau betrachtet verhält es sich aber doch andersherum: Wirtschaft ist von Menschen gemacht, es ist also ein durch und durch emotionales System. Emotionen sind grundlegend in der DNA von Unternehmen angelegt. In ihnen stecken auch die Werte, die in einem Unternehmen vorherrschen. Werden diese Emotionen erkannt und positiv gefördert, tritt nicht nur eine neue Grundlage für Beziehungen, für neue Wertschöpfung zutage, sondern auch das Zukunftsbild, das im Unternehmen steckt und es in all seinem Handeln antreibt.

Müssen alle bei diesem Trend der Emotionalisierung mitmachen oder wird das Pendel ohnehin bald wieder in die rationale Richtung ausschlagen und man muss die Emotionen nur „aussitzen“?

Der Siegeszug der Emotionen beginnt gerade erst, davon bin ich fest überzeugt. Auch wenn es im ersten Moment paradox klingen mag: gerade im Zuge der Digitalisierung rückt der Mensch wieder in den Fokus. In Zeiten, in denen Maschinen, Algorithmen und Co. uns immer mehr rationale Aufgaben abnehmen, kommt es wieder viel stärker auf menschliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Qualitäten sowie den Umgang damit an. Dem Menschlichen wird wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht, seine Potenziale rücken wieder in den Fokus. Wer sich mit so etwas zutiefst Menschlichem wie Emotionen auseinandersetzt, ist daher mit Sicherheit auf einem zukunftsfähigen Weg.

Harry Gatterer

Harry Gatterer © Wolf Steiner

Was empfehlen Sie Unternehmen, die sich auf dieses Thema einlassen? Auf welche Emotionen sollten sie setzen?

In positiven Emotionen – beispielsweise in Hoffnung und Stolz – steckt das Potenzial, zukunftsorientierte Visionen und damit Veränderung voranzutreiben. Diese nennen wir deshalb Schlüsselemotionen. Die negativen Pendants Angst, Leid, Schadenfreude und Scham, die ebenfalls Grundemotionen von Unternehmen sein können, wirken dagegen eher veränderungshemmend und verhindern echte Visionen.

Das klingt spannend. Was heißt das im Detail?

Hoffnung beispielsweise, ist mit einer positiven Erwartung an das, was die Zukunftsmöglichkeiten bereithalten verknüpft und daher ein sehr starker Treiber für Zukunftsvisionen. Angst dagegen führt eher zum aktiven Vermeiden von allem, was neu und anders sein könnte. Freude, ebenfalls ein großer Antrieb dafür, etwas voranzubringen und Potenziale zu entfalten, Leid dagegen erzeugt eine Haltung des Nicht-tun-Wollens, der Erstarrung und des Rückzugs. Mitgefühl lenkt den Fokus auf das, was wichtig ist, vor allem damit es anderen, also beispielsweise den Kunden, gut geht. Schadenfreude zieht die gesamte Energie aus dem Gegenteil, nämlich dem schlechten Schicksal der Konkurrenz, die möglicherweise auch noch zum eigenen Nutzen wird und damit zu Überheblichkeit führt. Stolz hat weniger mit einer Überlegenheitshaltung zu tun, sondern führt dazu, dass die Dinge, die gut geraten oder gelungen sind, für die Zukunft bewahrt und weitergeführt werden. Scham führt demgegenüber zu einer geringen Selbstachtung und zu einer Bescheidenheit, die sehr enge Grenzen für das Denken und Handeln steckt.

„Sie müssen lernen, den Menschen zuzuhören und zuzusehen, und ihnen die Chance zur Emanzipation geben, anstatt sie nach ihren eigenen Wünschen zu steuern.“

Das klingt erst einmal alles sehr naheliegend, aber wie können Unternehmen Emotionen gestalten und von ihnen profitieren?

Da gibt es natürliche unterschiedliche Ansätze. Ich gebe Ihnen vier Beispiele:

Erstens: Indem Sie in Lebensstilen und Wertegemeinschaften statt in Individuen denken. Sie sollten versuchen, nicht primär ihre Kunden zu berechnen, sondern vor allem an ihren eigenen emotionalen Fähigkeiten zu arbeiten. Die technologischen Analysemöglichkeiten sollen dabei als Ergänzungen und Grundlage, nicht aber als Ersatz für Ihre menschlichen Entscheidungen dienen. 

Zweitens: Indem sie Selbstreflexion und emotionales Lernen fördern – egal ob im Unternehmen oder außerhalb des Unternehmens. Sie müssen lernen, den Menschen zuzuhören und zuzusehen, und ihnen die Chance zur Emanzipation geben, anstatt sie nach ihren eigenen Wünschen zu steuern. Der zufriedene Mensch, der selbst am besten weiß, was ihm gut tut, sollte zum Ausgangspunkt der Überlegungen werden.

Drittens: Indem Sie sich und den Menschen im Unternehmen Raum für Emotionen geben und auf Kreativität und Selbstorganisation vertrauen, anstatt Regeln und Erwartungshaltungen zu kommunizieren. Wichtig sind Wert-Angebote, denen sich Menschen anschließen können, aber nicht „sollen“. Langfristige Werte und Anliegen sollten konsistent an Mitarbeiter, Partner und Kunden kommuniziert werden. Nur so wird künftig anhaltende Aufmerksamkeit generiert.

Und zu guter letzt: Indem Sie in die Tiefenanalyse gehen: Was sind die dominierenden Emotionen des eigenen Unternehmens – und welche hätte man gern stattdessen? Die Vision, die das eigene Unternehmen verfolgt, muss formuliert und bewusst gemacht werden. Es müssen Rahmenbedingungen für Vertrauen, Wertschätzung, Bewusstsein und Achtsamkeit im Unternehmen geschaffen werden, um dem Anliegen Raum zu geben.

Harry Gatterer, vielen Dank für das emotionale Gespräch!


Zur Person:

Harry Gatterer

Harry Gatterer © Wolf Steiner

Der Trend- und Zukunftsforscher Harry Gatterer ist Geschaftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Verknüpfung von gesellschaftlichen Trends mit unternehmerischen Entscheidungen. Als Redner liefert er praktisches Wissen und provokante Prognosen. Zentraler Bestandteil seiner Arbeit ist die Vernetzung mit außergewöhnlichen Pionieren in führenden Zukunftsdisziplinen. Weitere Informationen über den “Siegeszug der Emotionen” finden Sie unter Zukunftsinstitut.de.


Weiterführende Links:


Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel?
Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Pflichtfeld

Autor

Christian van Alphen leitet die Kommunikation bei etventure. Darüber hinaus ist er Co-Initiator des ChangeRider: Ein Video- und Podcastformat mit der Mission, die positiven Geschichten rund um den digitalen Wandel zu erzählen und damit Mut für die Zukunft zu machen.

Alle Artikel lesen