Mindful Solutions – Ein Gastbeitrag zu #BetterWork

Unsere schnelllebige, von Konnektivität geprägte Welt erfordert einen achtsamen Umgang. Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber sind gefordert, sich mit entsprechenden Lösungen zu beschäftigen. Ali Mahlodji hat sich gemeinsam mit dem Zukunftsinstitut auf die Suche nach Mindful Solutions gemacht. Und wo würde das besser hinpassen als zur Blogparade #BetterWork. Danke, dass ihr mithelft, die Welt besser zu machen! 


Ali Mahlodji, Gründer von whatchado, Autor, Keynotespeaker

Ali Mahlodji, Gründer von whatchado, Autor, Keynotespeaker

Lösungen für ein achtsames Leben und Arbeiten

Seien wir mal ehrlich: Es gibt keinen Lebensbereich des modernen Menschen mehr, in dem sich der ansteigende Druck der permanenten Veränderung nicht widerspiegelt. War es früher eher die Arbeitswelt, die den Stress gepachtet hatte, so ist dieser heute zu gleichen Teilen auch im Bildungsbereich und im privaten Umfeld spürbar. Um als Unternehmen mit diesen neuen Anforderungen adäquat umzugehen, braucht es eine neue Sichtweise auf den Mitarbeiter: weg vom pflichterfüllenden Objekt, hin zum Subjekt und Individuum. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Umso mehr freut es mich, dass inzwischen zahlreiche Führungspersonen in Organisationen erkannt haben, wie wichtig ein achtsamer Umgang mit sich selbst und unter Kollegen ist. Aus diesem Grund etablieren sie immer mehr Kurse und Weiterbildungen rund um Achtsamkeit, Resonanz und Empathie in ihren Unternehmen. Was wir heute noch erlernen müssen, bringt die nächste Generation dann schon von klein auf mit ins Arbeitsleben. Meditation und Achtsamkeitsübungen werden zu einem wichtigen Element in der Schule, Mindfulness entwickelt sich zu einem Bestandteil der grundlegenden Bildung.

Das ist Zukunftsmusik. Heute scheint es noch, als hätten wir Menschen nie gelernt, mit der wachsenden Menge an Möglichkeiten umzugehen. Erst wenn die Belastung beinahe unerträglich wird, erkennen wir unser menschliches Maß. In der Schule wurde uns nicht gelehrt, mit Überraschungen umzugehen. Ganz im Gegenteil: Uns wurde beigebracht, uns auf vorsortierte Informationen und in sich abgeschlossene Aufgaben zu verlassen. Das Lernen fand betreut statt, der Fokus lag immer auf einem einzigen Gegenstand zur selben Zeit und das Tempo wurde so gewählt, dass ein Großteil der Klasse ihm folgen konnte. Zudem war das Endergebnis dessen, was wir lernen oder erfüllen sollten, recht klar abgesteckt, und es gab beim Lernen auch keine Überraschungen, die uns dahin trainiert hätten, mit unsortiertem und ungeplantem Wissen und Anforderungen umzugehen. In den meisten Fällen gab es nur richtig oder falsch. Doch das „echte“ Leben strotzt nur so vor Überraschungen, mit denen wir umgehen und auf die wir reagieren müssen.

Die Arbeitswelt ist geprägt von kleinen – manchmal täglichen – Überraschungen, von ungesteuertem Kommunikationseingang und einem Umfeld, in dem ein selbstständiges Planen der Arbeitszeit zunimmt.

Wir sollten uns damit abfinden, dass wir die erste Generation sind, die das „Glück“ der digitalen Kommunikation erlernen darf, damit nachfolgende Generationen von unseren Erfahrungen der Überforderung profitieren. Wir fühlen uns überfordert, weil noch keine Generation vor uns diese Art der Flut an unsortierten Inputs kontrollieren musste. Durch die neuen Technologien weitet sich der Trichter der Möglichkeiten mit einem rasanten Tempo aus, und teilweise handeln wir, als könnten wir durch ein Mehr an Arbeit in Kombination mit hohem Tempo allem nachkommen, was dieser Trichter anzieht und schluckt. Ein Trugschluss, der bei nicht achtsamer Akzeptanz der Situation zu einer Überlastung führt.

 

Überarbeitet sein gehört noch zum guten Ton

Das Paradoxe: Drei von vier Arbeitnehmern in Deutschland fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz wohl, haben Spaß und finden ihren Job erfüllend. Gleichzeitig sind knapp neun von zehn Deutschen von ihrer Arbeit gestresst. Jeder zweite Bundesbürger fühlt sich laut einer Umfrage der pronova BKK von Burnout bedroht. Jedoch sind Stress, Überforderung und Überarbeitetsein inzwischen eher gesellschaftsfähig geworden. Dass es „gerade etwas stressig“ ist, ist ein permanenter Zustand. Warnsignale des Körpers wie Krankheiten werden nicht auskuriert, sondern ausgehalten. Bereits sechs von zehn Befragten klagen gelegentlich über typische Burnout-Symptome wie anhaltende Erschöpfung, innere Anspannung und Rückenschmerzen. Wer nicht jammert, weckt unter Umständen sogar den Eindruck, nicht genug zu arbeiten bzw. nicht ausgelastet zu sein.

Es scheint, als wären wir Sklaven der modernen Zeit, die mit den digitalen Geistern, die sie selbst gerufen haben, nicht umgehen können. Gefühlt immer zu viel zu tun, immer in der Bringschuld und immer zu wenig Zeit. Und doch, wir haben genauso wie alle Menschen, die diese Welt mit verändert haben, 24 Stunden Zeit. Daran hat sich nichts geändert. Neben der zunehmenden Belastung durch die Arbeit wird das Tempo unkontrollierbarer, gefühlt schneller, und jede neue Entwicklung lädt uns dazu ein, unsere einzigartige Zeit durch unsere Finger rinnen zu sehen.

Die Beschleunigung des Arbeitslebens scheint heute allgegenwärtig: in immer kürzerer Zeit mehr leisten zu müssen. Vom Nutzen der Zeit kann keine Rede mehr sein, eher geht es um das Managen der Uhr – ein Kennzeichen der produktiven Leistungsgesellschaft. Soziologen sprechen von der sozialen Beschleunigung. Der Psychologe Christian Korunka und sein Team von der Universität Wien sind diesem Phänomen nachgegangen und haben ihre Ergebnisse in dem Fachbuch „Job Demands in a Changing World of Work“ veröffentlicht. Sie identifizieren drei Kern-Herausforderungen der neuen, beschleunigten Arbeitswelt:

  • Permanentes Update: lebenslanges Lernen, das generell von den befragten Personen durchweg positiv wahrgenommen wird: Menschen macht Lernen Spaß, es motiviert sie und sorgt für Zufriedenheit.
  • Zunahme der Arbeitsdichte: Diese Entwicklung führt oft zu Erschöpfung und zu Konflikten zwischen Beruf und Familie.
  • Zunahme an Autonomie: Diese Herausforderung wird sowohl positiv bewertet im Sinne von mehr Flexibilität als auch negativ, indem sie zu Überforderung und Erschöpfung führen kann.

Kaum verwunderlich, dass sich Menschen Auszeiten aus der Beschleunigung wünschen, vehement einfordern und auch selbstbewusst nehmen. Ein Leben auf der Überholspur kann auf Dauer nicht gesund sein. War es noch vor zehn Jahren chic, sich mit Freizeitstress zu rühmen, so ist dies heute ein Armutszeugnis. Achtsamkeitspraktiken wie Yoga und Meditation sind längst die neuen Statussymbole. Dass die Achtsamkeitsbewegung kein kurzfristiger Hype, sondern das Ergebnis einer Leistungsgesellschaft ohne Ausgleichsventil ist, zeigt die Tatsache, dass die Bedeutung von Achtsamkeit in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen ist.

 

Achtsamkeit auch bei Führungskräften angekommen

Waren Yoga, Meditation und Co. bis vor Kurzem noch Auswüchse einer Gesellschaft, die sich diesen Luxus in der Freizeit zeitlich und finanziell leisten konnte, finden diese Methoden kontinuierlich mehr Einzug als Grundlage einer gesundheitsbewussten Arbeitsumgebung. Das belegen etwa die Erfolge von Vipassana-Retreats oder des fahrenden Meditationsstudios Be Time. Aber auch von Seiten der Arbeitgeber wird das Thema proaktiv angegangen. Die Firma Bosch ist nur ein Beispiel dafür, das Achtsamkeitskurse mittlerweile zum Standard-Repertoire der hauseigenen Weiterbildungen avancieren und mit großer Begeisterung angenommen werden. Die Akzeptanz von Achtsamkeits-Coaches auf Führungskräfte-Level zeigt zudem, dass die Kompetenz der Achtsamkeit der Ecke der esoterischen Selbstfindung entweicht und eine ernst zu nehmende Disziplin im Potpourri von Managementtrainings darstellt.

Egal ob im Arbeitsleben, im Privaten oder in der beruflichen Vorlauforganisation Schule, überall steigen die Anforderungen und damit zugleich auch die Akzeptanz dafür, achtsame Lösungen und Konzepte im Leben zu integrieren. Dabei wird die Grenze zwischen klassischen Achtsamkeitspraktiken und technischen Tools verschwimmen, so dass die Vermessung des Menschen weit über das Schrittezählen hinausgeht und der Zustand unserer Gedankenwelt genauso unseren Tag steuert. Achtsamkeit wird – aus Gründen des Selbstschutzes vor Stress, aber auch aus dem Wunsch nach Selbstoptimierung heraus – Teil unserer persönlichen Hygiene wie Zähneputzen und Basis für eine gesunde Lebensweise.

Für Arbeitgeber, die im War for Talents auf Augenhöhe agieren möchten, werden sich langfristig Raum, Zeit und Verständnis für Achtsamkeit in der Organisation etablieren und damit dem Wunsch der Mitarbeiter nach kontinuierlicher Weiterentwicklung entgegenkommen müssen. Denn wo früher Emotionen verschrien waren und am Arbeitsplatz nichts verloren hatten, werden diese nun als Spiegel des eigenen Befindens akzeptiert und erhalten den Raum, auf Entwicklungen hinzuweisen, die bisher unter den Tisch gekehrt wurden und langfristig oft zum Ausfall des Mitarbeiters geführt haben.


Über den Autor:

Ali Mahlodji bezeichnet sich selbst als Fehler im System: Flüchtling, Schulabbrecher, über 40 Jobs – von der Putzhilfe bis zum Manager bis hin zum Lehrer, Gründer und Geschäftsführer, Chief Visionary und Chief Storyteller von WHATCHADO, EU Jugendbotschafter und seit 2015 auch EU Ambassador for the new narrative … ach ja, und er versucht gerade die Welt zu retten (kein Scherz)! Kürzlich ist sein erster “Work Report” in Zusammenarbeit mit dem Zukunftsinstitut erschienen.


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Autor

Marie-Christin Bergmann ist Praktikantin in der PR bei etventure. Zuvor hat sie Mediengestaltung gelernt und ein Studium im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation abgeschlossen.

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