Das etventure Gilden-System – Wie man die Grundlage für Exploration und Innovation schafft

Wie muss Arbeit sein, damit sie mehr Spaß macht, sinnvoller, erfüllender – schlicht besser – ist und was muss dafür getan werden. Um diese Frage zu beantworten, haben wir die etventure Blogparade #BetterWork gestartet. Hier folgt nun der etventure-eigene Beitrag zum Thema #BetterWork: Das etventure Gilden-System.


Kennen Sie das folgende Problem?

Das Unternehmen, für das Sie tätig sind, verkauft sehr erfolgreich ein bestimmtes Produkt oder eine Dienstleistung. Es gibt ein klares Kundenversprechen, mit dem Sie seit Jahren einigermaßen konstant erfolgreich sind. Das Ziel aller Mitarbeiter ist es, dafür zu sorgen, dass sich daran im Großen und Ganzen nichts ändert. Natürlich werden die Produkte und Prozesse hier und da inkrementell optimiert. Aber der Erfolg jeder neuen Aktivität wird am ROI gemessen. Am Return On Investment. Den entstandenen Aufwänden muss ein messbarer Mehrwert gegenüber gestellt werden, um den Erfolg einer Maßnahme zu bewerten.

Das führt zwangsläufig dazu, dass für Sie und Ihre Teamkollegen sehr wenig Freiraum bleibt, um sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht direkt auf die aktuelle Wertschöpfung einzahlen.

Möglicherweise hören Sie auf einer Messe von einer innovativen Technologie oder lesen einen Blogbeitrag über eine interessante neue Methodik, die Ihr Unternehmen vielleicht voranbringen könnte. Aber im Tagesgeschäft können Sie dieses Thema nicht unterbringen. Es sei denn, Sie können einen potenziellen ROI darstellen.  

Möglicherweise sind Sie sogar in einer Position, in der Sie die formale Macht haben, Freiräume für ein Team zu schaffen, damit es sich mit diesem “Vielleicht”-Thema beschäftigt. Aber selbst dann hängt es immer noch von einer individuellen Entscheidung ab, ob und wieviel Aufwand in ein auf den ersten Blick nicht geschäftskritisches Thema investiert wird. Im Hinblick auf die Innovationsfähigkeit und den Wachstum ihres Unternehmens ist das ein Problem.

“Why are so few companies good at innovation? A lack of ideas or smart people is RARELY the problem.

Companies can’t innovate because innovators have to explore ideas within the culture, processes, and incentive system of EXECUTION.

There is no space for EXPLORATION!”

Alex Osterwalder

Um sich als Unternehmen weiterentwickeln zu können, braucht es Raum für Exploration. Es muss die Möglichkeit geben, sich mit neuen Themen zu beschäftigen. Und es dürfen keine Sanktionen drohen, wenn daraus kein wirtschaftlich messbares Ergebnis erzielt wird. Diese Möglichkeit sollte tendenziell allen Mitarbeitern zur Verfügung stehen. Nur so entsteht ein breiter Nährboden für Exploration und Innovation.

Teilweise erfolgreiche Strategien

Es gibt bereits einige erprobte Strategien, die sich dieser Problematik annehmen. Ein Beispiel ist die vielzitierte 20%-Regel von Google, bei der Mitarbeiter die Möglichkeit hatten, sich einen Tag pro Woche mit privaten Projekten zu beschäftigen. Trotz sehr erfolgreicher Ergebnisse wie Google Maps, Gmail und AdSense wurde das Programm aufgrund fehlender Strukturen wieder zurückgefahren.

Ein weiteres interessantes Konzept ist das von Spotify erstmalig beschriebene System der Gilden. Mitarbeiter mit ähnlichen Interessen konnten sich innerhalb ihrer Gilden in regelmäßigen Abständen zu gemeinsamen Themen auszutauschen. Auch bei diesem Konzept fehlten jedoch klare Zielvorgaben.

Die etventure Gilden

Bei etventure haben wir uns durch diese beiden Ansätze inspirieren lassen. Wir wollten einen Weg finden, wie alle etventure Mitarbeiter eigene Themen aufgreifen und strukturiert bearbeiten können. Die folgenden Aspekte waren uns dabei besonders wichtig:

  • der Prozess wird nicht Top-Down gesteuert
  • alle Mitarbeiter haben initial die gleichen Grundvoraussetzungen
  • die Arbeit in den Gilden hat die gleiche Priorität wie die Arbeit im Kerngeschäft
  • es gibt transparente Richtlinien, wie ein Thema nachhaltig bei etventure platziert werden kann
  • unternehmerisches, selbstbestimmtes Handeln wird gefördert

Aus diesen Anforderungen haben wir das Konzept der etventure Gilden entwickelt.

Jeder Mitarbeiter hat die Möglichkeit sich mit mindestens zwei anderen Mitarbeitern zusammenzutun, um eine Gilde zu einem beliebigen Thema zu gründen. Das Thema muss nicht auf den ersten Blick geschäftsrelevant sein. Wenn sich drei Menschen finden, die sich mit dem Thema “Weltfrieden” beschäftigen möchten: dann los. Alle Gildenmitglieder erhalten sofort automatisch ein Zeitbudget von zwei Stunden pro Woche, um sich mit diesem selbstgewählten Thema zu beschäftigen.

Soweit gibt es keinen Unterschied zum Google Modell. Nun kommt jedoch der Teil, der dazu beitragen soll, dass diese Initiativen nachhaltig in das Geschäftsfeld von etventure integriert werden können. Alle vier Monate findet ein allgemeiner Pitchtermin statt: das Guild Gate. Alle aktiven Gilden müssen bei diesem Termin ihre Arbeit vorstellen und um ein Zeitbudget pitchen.

etventure legt vorab die Höhe des insgesamt verfügbaren Zeitbudgets fest, welches im nächsten Trimester zur Verfügung gestellt wird. Das ist ein verbindliches Investment der Geschäftsleitung. Die Gilden können sich nun bewerben. Basierend auf den Pitches der einzelnen Gilden wird entschieden, in welcher Reihenfolge das verfügbare Budget an die Gilden verteilt wird. Das heißt: Je vielversprechender eine Gilde ist, desto höher stehen die Chancen, dass sie etwas vom Zeitbudget abbekommen.

Und auch an dieser Stelle gibt es einen entscheidenden Aspekt, der viel diskutiert wurde. Die Entscheidung über den Mehrwert der jeweiligen Projekte trifft nicht das Management-Team oder die direkten Vorgesetzten. Stattdessen trifft diese Entscheidung zu gleichen Anteilen die gesamte Belegschaft und ein Experten Board bestehend aus sechs ausgewählten etventure Vertretern. Das heißt, jeder Mitarbeiter bei etventure kann mitbestimmen, welche Themen im jeweils nächsten Trimester vorangetrieben werden sollen.

Auf der anderen Seite bedeutet das auch, dass die Gilden nicht nur den Geschmack des Managment-Teams treffen müssen. Stattdessen müssen sie sich überlegen, welchen Mehrwert sie für ganz etventure bieten. Sie müssen einerseits das Experten Board überzeugen, welches wirtschaftliche Kriterien in den Vordergrund stellt. Auf der anderen Seite müssen sie jedoch auch die etventure Mitarbeiter überzeugen, die mitunter ganz andere Kriterien haben. So wäre theoretisch möglich, dass auch eine Gilde, die sich mit Weltfrieden beschäftigen möchte, den Zuschlag bekommt, wenn sie viele Mitarbeiter vom Mehrwert überzeugen kann. Selbst wenn das keine direkte Auswirkung aufs Kerngeschäft hat. So hat beim letzten etventure Guild Gate beispielsweise unter anderem auch die Gilde zum Thema Nachhaltigkeit einen Zuschlag bekommen.

Welche Auswirkungen hat dieses Konzept?

Know-how

etventure hat über die Gilden einen Weg gefunden, alle Mitarbeiter in die Weiterentwicklung der Organisation einzubeziehen, Es entscheiden nicht einige wenige darüber, an welchen Themen etventure arbeitet. Stattdessen kann jeder sich aktiv und ohne Freigabeprozess einbringen. Aus den Gilden sind bereits einige sehr aussichtsreiche Initiativen entstanden. So haben wir nachweislich unsere Expertise in den Bereichen Plattform-Ökonomie, Augmented Reality oder Ideation ausgebaut und konnten dieses Wissen schon erfolgreich in Projekten anwenden. 

Unternehmenskultur

Auch die Themen Nachhaltigkeit und Future of Work haben dank der Gilden einen größeren Stellenwert bei etventure erhalten und tragen dazu bei, unsere offen kommunizierten Werte – Unternehmertum, Gemeinschaftlichkeit, Innovation, Disruption – auf allen Ebenen aktiv im Unternehmen zu verankern. Dabei geht es nicht nur darum, etventure wirtschaftlich voranzubringen. Sondern vor allem auch darum, das Arbeitsumfeld für alle Mitarbeiter kontinuierlich zu verbessern.

Die Tatsache, dass nicht das Management, sondern das gesamte Unternehmen über die Vergabe der Zeitbudgets bestimmt, setzt Vertrauen in alle Mitarbeiter. Die bisherigen Ergebnisse haben gezeigt, dass dieses Vertrauen durch verantwortungsvolle Entscheidungen bestätigt wird.

Startup-Spirit

Mitarbeiter, die sich in den Gilden engagieren, haben die Möglichkeit unternehmerisch tätig zu werden. Ähnlich wie in einem Startup geht es darum, mit einem begrenzten Budget selbstgesteckte Ziele zu erreichen und damit potenzielle Kunden – in diesem Fall das etventure Team – von der eigenen Idee zu überzeugen. Die Gilden können sich Coaching holen, haben darüber hinaus aber alle Freiheiten. Es steht in ihrer Verantwortung, das Beste aus diesen Freiheiten zu machen.

Welche Herausforderungen gibt es?

Eine der größten Herausforderungen ist es, Mitarbeiter zu ermutigen, das zur Verfügung gestellte Zeitbudget auch tatsächlich zu nutzen. Oft stehen die täglichen Aufgaben im Konflikt zur Arbeit an den Gilden. Die Gilden werden dann automatisch zugunsten der Kundenprojekte de-priorisiert. Es bedarf einer aktiven Kommunikation insbesondere aus der Führungsebene, um sicherzustellen, dass das für die Gildenarbeit zur Verfügung gestellte Zeitbudget die gleiche, wenn nicht gar die höhere Priorität hat. Es handelt sich immerhin um ein offizielles Investment von etventure und sollte daher auch mit der gleichen Ernsthaftigkeit bearbeitet werden, wie die Investments unserer Kunden.

Das ganze System funktioniert nur, wenn es diszipliniert von allen Seiten akzeptiert und gelebt wird. Wenn die Arbeit der Gilden kontinuierlich in Gefahr steht, aufgrund von externen Projekten liegen zu bleiben, dann schlägt sich das mittelfristig auf die Motivation und auf die Wirksamkeit der Initiativen nieder. Niemand möchte dauerhaft Aufwand investieren in etwas, was jederzeit in der Gefahr steht, abgebrochen zu werden. Dafür gibt es die offiziellen Guild Gates. Hier und nur hier werden diese Entscheidungen getroffen. Ist das Budget freigegeben, muss das Gildenprojekt mit der gleichen Ernsthaftigkeit, der gleichen Wertschätzung und der gleichen Priorität behandelt werden wie alle externen Projekte auch.

Ausblick

Alles in allem können wir noch keine abschließende, wirtschaftliche Bewertung vornehmen. Wir schauen nun gespannt auf die nächsten Monate und gehen stark davon aus, dass sich die folgenden positiven Effekte bestätigen und festigen werden:

  • Verbreitertes Themenspektrum mit internem und externem Mehrwert
  • Förderung von Intrapreneurship und innovativem Mindset
  • Gestärktes Vertrauensverhältnis zwischen Organisation und Mitarbeitern und Stärkung der Selbstbestimmung

Wenn sich diese Punkte bestätigen, würden wir die Gilden als klares Erfolgsrezept auf dem Weg zur Arbeitswelt der Zukunft empfehlen.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen, dann teilt sie gerne im Rahmen der etventure Blogparade #BetterWork!

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Autor

Gregor Ilg leitet das Produktteam bei etventure, das unter seiner Führung Hunderte von MVPs für Kunden verschiedener Branchen entwickelt hat.

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