Warum wir nicht auf die nächste Dotcom-Blase zusteuern

Die Digitalisierung ist längst auch an den Kapitalmärkten angekommen. Die Liste der zehn teuersten Unternehmen der Welt wird von Technologiekonzernen angeführt. Gemessen an der Marktkapitalisierung liegen Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook auf den vorderen Rängen. Insgesamt sieben der Top-10-Konzerne sind Unternehmen mit einem digitalem Geschäftsmodell. Allein der Aktienkurs von Facebook steig in den letzten fünf Jahren um 500 Prozent. Kritiker erinnert das an die New Economy, die Ende der 1990er in einer Spekulationsblase endete.

New Economy: Vom Hype zur Blase

Damals begann das Internet seinen Siegeszug, digitale Technologien eroberten die Wirtschaft. Das Interesse der Anleger an der Technologiebranche war groß, die Unternehmen nutzten die Gunst der Stunde. Es entstand ein regelrechter Hype rund um die New Economy. Das Problem: Viele der Unternehmen hatten damals nicht mehr vorzuweisen als ein .com oder .de im Namen, was schon ausreichte, um die Fantasie der Anleger zu befeuern. Dahinter steckten jedoch weder ein funktionierendes Geschäftsmodell noch echte Kunden oder gar Umsätze. Folglich hatten auch die Bewertungen und Gewinnerwartungen mit der Realität wenig zu tun. Die sogenannte Dotcom-Blase wuchs und wuchs, bis sie schließlich im März 2000 platzte.

Und heute? Sind die Bewertungen der Tech-Giganten nur Schall und Rauch? Steuern wir auf die nächste Dotcom-Blase zu?

Heutige Tech-Unternehmen haben eine Vision – und Daten 

Tatsächlich stehen die Dinge heute anders. Die Tech-Unternehmen der 1990er hatten sich „Internet“ und „Technologie“ zwar auf die Fahnen geschrieben – in den meisten Fällen aber auch nicht mehr. Während die Digitalisierung vor 18 Jahren noch eine Zukunftsvision war, die sich noch niemand so recht in der Praxis vorstellen konnte, ist sie heute Teil unseres Alltags und Basis unzähliger Geschäftsmodelle. Und so sind auch die heutigen Bewertungen der Technologie-Giganten näher an der Realität als noch zu Zeiten der Dotcom-Blase. Dahinter stecken nicht nur echte Kunden und Umsätze, sondern vor allem Daten. Indem Amazon, Alphabet und Co. die Kundenschnittstelle besetzen, kennen sie ihre Kunden wie kein anderer und können dieses Wissen gezielt einsetzen – ein enormer Wettbewerbsvorteil. 

Gleichzeitig verbindet die heutigen Tech-Konzerne der Wille, sich ständig neu zu erfinden, innovativ und disruptiv zu sein und stetig zu wachsen. Auf der Suche nach dem „Next Big Thing“ expandieren sie in neue Märkte und Kundensegmente und streben nach der nächsten technologischen und digitalen Revolution. Genau diese Denk- und Vorgehensweise ist auch die Grundlage für die exponentiell steigenden Bewertungen an der Börse. Denn eine solche Bewertung ist immer auch eine Wette auf die Zukunft – und die gehört denen, die eine Vision haben. Wer hier von einer Blase spricht, versteht die Tragweite der digitalen Transformation nicht.

Blockchain, Coin, Krypto – die neue Blase?

Und doch gibt es auch in der heutigen Digitalbranche Entwicklungen, die an den New Economy-Hype erinnern. Ließ vor 18 Jahren das „.de“ oder „.com“ im Firmennahmen den Kurs steigen, sind es heute Begriffe wie Coin, Krypto oder Blockchain. Unbestritten trägt die Blockchain-Technologie enorme Potentiale in sich, die globale Wirtschaft effizienter und transparenter zu gestalten. Im Alltag der Menschen und Unternehmen angekommen ist sie aber nicht. Wie sie dennoch das Interesse der Anleger weckt, zeigt sich an folgendem Beispiel: Das Foto-Unternehmen Kodak etwa steht wie kein anderes für verpasste Chancen, nachdem es die Digitalisierung verschlafen und in der Bedeutungslosigkeit verschwunden war. Nun stellte Kodak kürzlich KodakCoin, eine eigene Kryptowährung für Fotografen, vor. Innerhalb weniger Stunden verdreifachte sich der Aktienkurs des Unternehmens. Das zeigt: Anleger hinterfragen auch heute weder die Sinnhaftigkeit noch die Volatilität der Kryptowährungen, sondern setzen vor allem auf kurzfristige Gewinne. Was den Krypto- und Bitcoin-Trend jedoch von der New Economy Blase unterscheidet: Dank digitaler Tools und Technologien ist das Investment auch für Privatanleger einfacher und vor allem transparenter geworden. Die Risiken sind also bekannt – ob und wie man sie für sich nutzen möchte, bleibt jedem selbst überlassen.

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Autor

Zunächst als Berater, dann als CEO eines mittelständischen Unternehmens mit 250 Mitarbeitern und heute als Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung und Startup-Schmiede etventure beschäftigt sich Philipp Depiereux mit Innovationsprojekten. Gemeinsam mit zwei Partnern gründete er etventure mit der Vision, die Erfahrungen als Unternehmer und Innovationstreiber im Mittelstand, in der Konzernwelt, in Startups sowie in Digitalprojekten im Silicon Valley in einem Unternehmen zu bündeln.

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