Sozialkompetenz schlägt Fachkompetenz

Die Arbeitswelt wandelt sich, ebenso wie die Ansprüche der Arbeitnehmer. Das haben die Unternehmen mittlerweile verstanden und locken Fachkräfte mit einer (vermeintlich) offenen Unternehmenskultur. Das Versprechen: Flache Hierarchien und Teamwork, Flexibilität, hohe Freiheitsgrade, Arbeit in einer familiären Atmosphäre. Nur leider geraten diese Werte oft in den Hintergrund, wenn es um Erfolg und Umsätze geht.

Erfolg vs. Teamwork

Ein Beispiel aus dem Sport: Thomas Tuchel. Der ehemalige Trainer von Borussia Dortmund hat seine Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren sehr erfolgreich gecoacht, die direkte Champions-League-Qualifikation geschafft, zum Schluss sogar den DFB-Pokal gewonnen. Trotzdem kam nach diesem Erfolg das Aus für Tuchel. Die BVB-Führung trennte sich vom Coach wegen verschiedener Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit, im Führungsstab selbst, aber auch im Umgang mit den Spielern. Die Ergebnisse waren gut, doch das Teamwork hat nicht funktioniert.

Nun ist der Fußball ein Geschäft, in dem nur der sportliche Erfolg zählt. Wer gewinnt den Pokal? Wer steht am Saisonende oben in der Tabelle? Das sind die entscheidenden Fragen. Es gibt keine Auszeichnung für den empathischsten oder den motivierendsten Trainer. Trotzdem hat BVB-Geschäftsführer Watzke das Zwischenmenschliche und den Teamzusammenhalt über den Erfolg gestellt. Und damit in der Branche und unter den Fans viel Kopfschütteln ausgelöst, der Mannschaft aber vermutlich einen großen Dienst erwiesen.

Incentives für sozialverträgliches Verhalten? Fehlanzeige.

Auch im Unternehmen entstehen solche Konflikte tagtäglich. Und auch hier ist der betriebswirtschaftliche Erfolg am Ende meist der wichtigere Gradmesser. Auch wenn sich Unternehmen Werte wie Teamwork, Offenheit und Feedback-Kultur auf die Fahnen schreiben, sieht die Realität im Unternehmen meist anders aus: Befördert wird, wer Aufträge und Kunden gewinnt. Verstöße gegen die Unternehmenswerte werden toleriert, solange die Leistung stimmt. Incentives für sozialverträgliches Verhalten? Fehlanzeige.

Doch das ist falsches, kurzfristiges Denken. Denn heute gilt mehr denn je: Erfolgreich ist das beste Team, nicht der beste Einzelkämpfer. In Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung und generell steigender Komplexität wird es immer wichtiger, Lösungen in interdisziplinären Teams zu erarbeiten und Aufgabenstellungen aus ganz verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Für Ellenbogendenken und Alphatiere ist hier kein Platz mehr.

Auch betriebswirtschaftlich ist eine schlechte Team- und Unternehmenskultur Gift. Spätestens, wenn hochqualifizierte Mitarbeiter die Flucht ergreifen, zeigt sich, wie viel Schaden ein solches Betriebsklima – oft nur durch einzelne Personen verursacht – anrichten kann. Umgekehrt sind Mitarbeiter, die mit ihrem Umfeld zufrieden sind, motivierter und leistungsbereiter, die Fluktuation sinkt, ebenso die Kosten für die aufwändige Personalsuche.

Werte müssen gelebt und eingefordert werden

Deshalb sollten Unternehmen – wenn ihre Werte und Leitbilder nicht nur hohle Phrasen bleiben sollen – diese sogenannten „weichen“ Faktoren ebenso zum Bestandteil von Mitarbeiterbewertungen machen wie Umsatz und Gewinn. Denn man kann nicht erwarten, dass Werte gelebt werden, wenn man sie selbst geringschätzt und wenn man nicht darauf achtet, dass diese auch eingehalten werden. Dazu gehört, dass Verstöße gegen die Unternehmenswerte nicht ohne Konsequenzen bleiben und dass man gewillt ist, die Unternehmenskultur über den kurzfristigen Erfolg zu stellen. Denn auf die lange Sicht schlägt das Team den Einzelspieler, ist die Sozialkompetenz wichtiger als die reine Fachkompetenz.

Das zeigt sich auch im Fußball. Nicht umsonst wird die deutsche Nationalmannschaft auch im Ausland nur „Die Mannschaft“ genannt. Es waren nicht die Fußball-Stars, sondern ein funktionierendes Team, das am Schluss den WM-Pokal in den Händen hielt. Ein Erfolgsprinzip, das sich hoffentlich auch in der Wirtschaft durchsetzen wird.

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Autor

Zunächst als Berater, dann als CEO eines mittelständischen Unternehmens mit 250 Mitarbeitern und heute als Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung und Startup-Schmiede etventure beschäftigt sich Philipp Depiereux mit Innovationsprojekten. Gemeinsam mit zwei Partnern gründete er etventure mit der Vision, die Erfahrungen als Unternehmer und Innovationstreiber im Mittelstand, in der Konzernwelt, in Startups sowie in Digitalprojekten im Silicon Valley in einem Unternehmen zu bündeln.

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