Covid-19 als Treiber einer Plattformökonomie?

02. April 2020

Wie die Corona-Krise die großen Schwachstellen der versäumten Digitalisierung offenlegt

Die Covid-19-Krise trifft die deutsche Wirtschaft hart, Ausgang ungewiss. Media Markt/Saturn beantragt ein staatliches Hilfspaket, der Lufthansa-Konzern operiert auf nur rund fünf Prozent seiner früheren Leistung und Volkswagen verlängert die Schließung der Werke. Den deutschen Mittelstand dürfte es aus Mangel an Liquidität noch härter treffen. Nach der Event- und Tourismusbranche, sind es nun immer mehr Industrien und größere Firmen, die in Bedrängnis geraten werden. Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit, Verbindlichkeiten können nicht mehr erfüllt und laufende Kosten nicht gedeckt werden.

Corona demonstriert was digitaler Rückstand bedeutet

Zeitgleich verkündet Amazon 100.000 neue Mitarbeiter einstellen zu wollen. Die Aktie von Zoom, einem Anbieter von Videokonferenz-Software, ist innerhalb des letzten Monats um bis zu 40 Prozent gestiegen. Und der Kochboxenversender HelloFresh ist an der Börse aktuell mehr wert als die Lufthansa. Die “Gewinner” der Krise: Stay at home stocks, zu Deutsch: Zuhause-bleiben-Aktien.

Damit sind alle Unternehmen gemeint, die das Physical Distancing angenehmer machen: neben Online Shopping und Lieferdiensten, auch Online Streaminganbieter, digitales Banking und Versicherungen. Die Krise führt uns die Bedeutung digitaler webbasierter Technologien für Wirtschaft und Gesellschaft klar vor Augen. Gleichzeitig legt sie die kapitalen Schwachstellen vieler Branchen, durch die bisher versäumte Digitalisierung, offen. Persönlicher Vertrieb: nicht mehr möglich, klassische Lieferketten: unterbrochen, effizientes abteilungsübergreifendes Arbeiten: eingeschränkt.

Innerhalb kürzester Zeit entblößt die Corona-Krise aktuelle digitale Defizite und zeigt auf brutale Weise, was der digitale Rückstand zur Folge hat. Nämlich die Unfähigkeit, den Betrieb unter eingeschränkten Kontakten aller Beteiligten aufrechterhalten zu können. Und dies zwingt nun Unternehmen zum radikalen Umdenken. Denn: Solange es gut ging und die Profitabilität stimmte, gab es auch keinen Druck, sich wirklich zu verändern – zu transformieren.

Plattformen schließen das Vakuum in kontaktlosen Zeiten

Digitaler Einzelhandel, Nachbarschaftshilfe, Online Lernen, gezielte Initiativen verschiedener Partner zur Bekämpfung der Krankheit oder B2B-Vertrieb zu Corona-Zeiten – so unterschiedlich die Bedürfnisse sind, so haben ihre digitalen Lösungen eines gemeinsam. Sie basieren auf einer Plattformlogik. Warum? Weil Dinge miteinander verknüpft werden können und dadurch transparent werden. Weil Transaktionen unter Einbindung vieler Beteiligter ermöglicht werden. Und das alles virtuell. Denn digitale Plattformen vernetzen Anbieter und Nachfrager auf Basis der passenden Technologie. Sie dienen als Instrument, um das komplexe System aus Kundenbedürfnissen und passenden Angeboten zu orchestrieren und abzuwickeln. Und sie binden Partner, die den Austausch unterstützen und zusätzliche Dienstleistungen bereitstellen (etwa Zulieferer, Zahlungsanbieter, Logistiker), wertstiftend ein. Nach und nach können Plattformen so mit ergänzenden Produkten branchenübergreifend ein Gesamtsystem knüpfen und dadurch ein Spektrum von Kundenbedürfnissen befriedigen. Oftmals kontaktlos, schnell auf sich verändernde Bedürfnisse und Umwelteinflüsse eingehend und flexibel in der Partizipation von beteiligten Interessensgruppen. Dass dies der entscheidende Wettbewerbsvorteil sein wird, davon ist auch Klöckner-CEO Gisbert Rühl überzeugt. Denn: “Plattformen werden zum dominierenden Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts – das war die Initialzündung für unsere Digitalisierungsstrategie.” Lesen Sie dazu auch mehr in unserem Beitrag Wertschöpfung im digitalen Zeitalter – Monopolisierung, Vernetzung oder Untergang!

Das Wegfallen des physischen Kontakts demonstriert, wo analoge Prozesse noch dominieren. Insbesondere der Vertrieb vieler Unternehmen befindet sich aktuell in Ohnmacht, weil es kaum noch gelingt, die eigenen Produkte erfolgreich anzubieten, geschweige denn Kontakt zu potenziellen Kunden herzustellen. Oft ist der gesamte Vertriebsprozess noch darauf ausgelegt, analog und vor Ort gemacht zu werden. Alle Unternehmen, die ihre Vertriebsstrategien digitalisiert haben und keine Vertreter mehr ins Feld schicken müssen, haben enorme Vorteile gegenüber ihren Wettbewerbern. Ein Beispiel: die ALBA-Ausgründung “Scrappel”, die den Wertstoffhandel digitalisieren will. Neben der B2B-Marktplatzfunktion, nutzen bereits einige Unternehmen aus der Metallindustrie Scrappel als Portal auch für ihre eigenen Kunden. Auf diesem Weg können sie ihren Handelspartnern einen vollständig digitalen Prozess – von der Abstimmung der Logistik bis hin zur Zahlungsabwicklung – anbieten. Ein realer Mehrwert in Zeiten von Corona – für alle Beteiligten.

Laptop

Unternehmen müssen sich anpassen

Grundsätzlich müssen wir jetzt feststellen: ein Black Swan Event, wie die aktuelle Corona-Pandemie es nicht treffender sein kann, ist ein seltenes, unvorhergesehenes Ereignis mit potenziell schwerwiegenden Folgen. Und als ein solches zeigt die aktuelle Krise gerade eindrucksvoll, warum der Begriff “VUCA-Welt” (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) nicht ein mittlerweile abgenutztes Buzzword ist, sondern die Realität. Um in dieser zu bestehen, müssen Unternehmen flexibel werden und lernen, auf viele, schnell wechselnde Einflüsse entsprechend zu reagieren. Und diese speisen sich nicht nur aus seltenen Black Swan Events. Im Zeitalter der Digitalisierung verschwimmen klar definierte Branchen und werden zunehmend dynamischer und komplexer. Maßgeblich getrieben wird dies durch fortschreitende technologische und gesellschaftliche Entwicklungen sowie veränderte Kundenwünsche, die sich immer stärker individualisieren und somit unberechenbar werden.

Richtig positioniert und aufgestellt zu sein, erfordert maßgeschneiderte Produkte und die passenden Werteversprechen aus branchenübergreifenden, neuen Produkt-Service-Systemen, gerade auch außerhalb der klassischen Wertschöpfungsketten. Einzelne Unternehmen sind immer weniger in der Lage, diese wirtschaftlich skalierbar zu bedienen. Deswegen muss auf Partnerschaften gesetzt werden, die über Plattformen realisiert werden können. Durch das Zusammenbringen von Geschäftspartnern, die sich sonst nicht zueinander gefunden hätten, ergibt sich ein höheres Umsatzpotenzial bei gleichzeitigen Kosteneinsparungen. So zum Beispiel über die Vertriebsplattform des Polymerhersteller Covestro. Hier wurde ein komplexes Produktangebot realisiert, Kundenschnittstellen vereinfacht und gleichzeitig ein, auf die Marktbedürfnisse geschneiderter Service, zum Beispiel durch Real Time Bidding, ermöglicht. Über diese digitale Plattform plant Covestro zunächst Umsätze in Höhe von einer Milliarde Euro zu realisieren.

Aus der Krise lernen: Plattformlogiken in die Unternehmensumwelt integrieren

Ein großer Anteil der aktuellen Verschiebungen wird auch über die Krise hinaus anhalten. So wird zum Beispiel der SARS-Pandemie 2002/3, die beschleunigte Einführung des E-Commerce in China zugeschrieben. Und durch Corona könnten Plattformen bald so selbstverständlich sein, wie es heute der Online Handel ist. Unternehmen müssen sich nun schnell positionieren, indem neue und vielversprechende Plattformen umworben, finanziert und gegebenenfalls übernommen werden. Denn Startup-Kooperationen ermöglichen einen schnellen Markteintritt und rasches unternehmerisches Handeln.

Folgende Fragen müssen sich Unternehmen spätestens jetzt stellen um zu überleben:

  • Was sind die Optionen? Welche Positionierung im Umgang mit Plattformen passt zum Unternehmen, welche Anpassungen von Geschäftsmodell und Services sind erforderlich?
  • Wie sieht die Kontrolle über die Kundenschnittstelle aus? Erweiterung des Angebots um digitale Services/Apps und Geschäftsmodelle als Schlüssel an der Kundenschnittstelle.
  • Welche Kooperationen benötigen wir? Manche Elemente der digitalen Geschäftsmodelle sollten in Eigenregie aufgebaut werden, manche erfolgen besser in Partnerschaften.

Die Covid-19-Krise wird uns noch lange beschäftigen, die Folgen sind noch ungewiss. Viele Unternehmen fokussieren sich auf defensive Maßnahmen, wenn sie von einer Krise bedroht sind. Die Krise bietet jedoch auch Chancen: Mutig und vorausschauend zu sein, kann sich für einige lohnen und dazu führen, dass digitale Versäumnisse gerade noch rechtzeitig aufgeholt werden. Denn für einige Branchen ist es jetzt mitunter die letzte Möglichkeit, sich noch erfolgreich in einer Plattformökonomie zu positionieren. Damit diese nicht verpasst wird, unterstützt das Competence Center.

Über das Competence Center Platforms & Ecosystems
Das CC Platform & Ecosystems von etventure bündelt alle Kompetenzen für das Zeitalter der vernetzten Wertschöpfung. Es arbeitet dabei nicht nur in der strategischen Ausgestaltung und Zielbild-Formulierung, sondern setzt diese auch mit den Kunden, primär aus dem B2B-Bereich unterschiedlichster Branchen, um. Darüber hinaus befähigt das CC Unternehmen sowie externe als auch interne Mitarbeiter mit einer Vielzahl von methodischen Werkzeugen und Herangehensweisen eigene plattform-basierte Projekte zu realisieren.


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Autor

Inga ist Teil des Competence Center 'Platforms and Ecosystems' bei etventure. Als Expert Platform Value kümmert sie sich um alle Themen rund um die vernetzte Wertschöpfung. Sie ist überzeugt: Gemeinsam kann mehr (Wert) geschaffen werden – und das nicht nur in Bezug auf Plattformen.

Co-Autor

Sebastian Wolters has already carried out numerous strategy and implementation projects in various industries. He is now living his passion for challenges related to platform-based business models in the Platform Competence Center, which he founded together with Christian Böttcher. His focus: Empowering Organisations In A Networked World!

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