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Die digitale Revolution gibt es nicht? Vermeidungsstrategien und Bewahrertum sind der Killer bei der Digitalisierung!

06. Oktober 2016

Die digitale Revolution gibt es nicht – dies hat kürzlich Hans-Werner Feick in seiner Kolumne auf dem Wirtschaftsportal BILANZ verkündet. Unternehmen stehen durch die Digitalisierung vor einem enormen Umbruch, Disruption in der Old Economy durch neue, digitale und agile Angreifer – stimmt alles nicht. Feick sieht keine Spur von digitaler Revolution. Wer diesen Ausführungen folgt und sich nun als Geschäftsführer angesichts des digitalen Wandels zurücklehnt, verkennt die Zeichen der Zeit, macht sich angreifbar und überlässt die Wertschöpfung eben jenen neuen Angreifern – wir sagen warum.

Die nächsten 3 Jahre sind entscheidender für den Unternehmenserfolg als die letzten 50 Jahre

Industrie 4.0, Virtual Reality und künstliche Intelligenz verändern schon jetzt sämtliche Branchen und Geschäftsmodelle. Kaum ein Lebensbereich oder Wirtschaftszweig bleibt unberührt von digitaler Technologie. Trotzdem leisten sich noch immer viele Unternehmen eine eher abwartende Haltung. Solche Veröffentlichungen wie von Hans-Werner Feick bestärken diese Vermeidungsstrategien und das Bewahrertum eher noch, was diese Unternehmen in eine gefährliche wirtschaftliche Lage bringt.

Nicht alle leisten sich diese Grundhaltung. Eine Befragung unter 1.500 CEOs weltweit hat ergeben: 71 Prozent sind der Meinung, dass die kommenden drei Jahre für die Zukunft ihres Unternehmens entscheidender sein werden als die vergangenen 50 Jahre. Alle auf dem Irrweg? Wir haben uns mit dem Artikel „Die digitale Revolution gibt es nicht“ intensiver beschäftigt und wollen hier darlegen, warum sich unserer Meinung nach Herr Feick auf einem absoluten Irrweg befindet.

– Feick: „Die meisten Digital-Ideologen zitieren Uber und Airbnb als digitale Revoluzzer. Andere sprechen von „den Fintechs“, die disruptiv die Old Banking Economy ins Wanken bringen. Viel konkreter wird es nicht.“

Viel konkreter wird es nicht? Wir sehen da draußen bereits zahlreiche Startups und Digitalplayer, die durch die Besetzung der digitalen Schnittstelle zwischen Old Economy und Kunden, aber auch durch Implementierung neuer Geschäftsmodelle, komplette Märkte drehen oder zerstören. Buch, Musik und Film gehören zu den prägnantesten Beispielen, die heute durch Anbieter wie Spotify, Apple oder Netflix besetzt sind. In den vergangenen Jahren verloren die alteingesessenen Telefonkonzerne Milliarden-Umsätze, weil Kunden statt gebührenpflichtiger Telefongespräche und SMS lieber kostenlose Dienste wie WhatsApp & Co. nutzen. Die vier amerikanischen Internetunternehmen Google, Apple, Facebook und Amazon besitzen einen Marktwert von zusammen 1,7 Billionen Dollar. Und was die im Artikel genannten Startups Airbnb und Uber angeht: Airbnb hat nach einer jüngsten Finanzierung von knapp einer halben Milliarde nun einen Wert von 30 Milliarden Dollar erreicht und ist damit das zweit-größte nicht-börsennotierte Unternehmen im Silicon Valley. Auf Platz 1 – richtig – der Fahrdienstvermittler Uber. Beide Startups kämpfen aktuell an verschiedenen Fronten mit staatlichen Regulierungen, angefacht und unterstützt von der Bewahrer- und Verhinderungsmentalität der Old Economy. Das wird aber dennoch maximal etwas Geschwindigkeit aus dem Wachstum rausnehmen und wer glaubt, dass angesichts solcher Investitionen und Bewertungen, beide Unternehmen verhindert werden können, Hotellerie oder Taxigewerbe so weiter machen könnten, wie zuvor, befindet sich aktuell wohl eher im Romantiktal zuhause. Uber hat mit etwa mit 15.000 Fahrern in Paris oder 30.000 in New York längst Fakten geschaffen und eine Vermittlungslösung entwickelt, die offenbar präzise die Anforderungen und Wünsche der Nutzer berücksichtigt.

– Feick: „Das Fintech Number26 heißt jetzt zwar N26 und hat eine Banklizenz. Aber Geld übermittelt der Standardbankkunde immer noch mehrheitlich per Überweisung und Lastschrift.“

Das Jahr 1886 gilt als das Geburtsjahr des modernen Automobils mit Verbrennungsmotor. Der „vollständige Ersatz für Wagen mit Pferden“ wurde zwar über die Grenzen Deutschlands bekannt, doch die möglichen Käufer blieben zunächst skeptisch. Die Jahresproduktion stieg von 67 Wagen im Jahr 1894 auf 603 Wagen im Jahr 1900. 20 Jahre nach der Erfindung betrug der weltweite PKW-Bestand 26 000, 50 Jahre danach 800 000 und heute hat es längst die Milliarden-Grenze übersprungen. Niemand zweifelt mehr daran, dass das Automobil das Transportwesen revolutioniert hat. So lange wird N26 nicht brauchen, im Gegenteil: N26 gilt als ein Lehrstück darüber, wie man in Zeiten des Internets quasi aus dem Nichts Unternehmen auf die Beine stellen kann, zu deren Aufbau früher Jahre nötig gewesen wären. Das Eröffnen eines Kontos dauert bei N26 keine 10 Minuten. 200.000 Kunden zählt das Startup nach eigenen Angaben nach nur 3 Jahren. Insbesondere bei der Gruppe 18 – 35 ist die Lösung, mit deren Hilfe der Kunde all seine Bankgeschäfte via Smartphone erledigen kann, besonders beliebt.  Und diese Kunden sind für das klassische Banking für alle Zeiten verloren. Tendenz steigend.

– Feick: „Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen: Es gibt weit und breit keinen Technologiesprung, der zu einer absolut herausragenden Veränderungsdynamik führt. 3D-Drucker werden nicht die Massenproduktion ersetzen.“

Dieser Satz ist aus zweierlei Gründen schlicht falsch. Viele sprechen bei Digitalisierung von Industrie 4.0, beispielsweise der intelligenten Fabrik – das ist aber nur ein Bereich. Es geht nicht nur um Technologie, es geht darum mit Hilfe von digitalen Schnittstellen zum Kunden, neue Geschäftsbereiche zu erschließen, weil etwa ein bestimmtes Produkt – eine Maschine oder Anlage, zur Perfektion entwickelt, einen abnehmenden Absatzmarkt findet (siehe auch Bericht in Der Spiegel „Überall Schmerzpunkte“ über etventure und SMS group). Es geht darum einen digitalen Kanal zum Kunden zu implementieren, um zu verhindern, dass sich, wie in vielen Branchen Startups zwischen Kunde und Unternehmen schieben und eine Abhängigkeit des Unternehmens zum Startup erwächst. Und dies sind keine „Luftnummern“: Stahlhändler Klöckner, der den digitalen Wandel 2014 mit Unterstützung von etventure angegangen ist, erwirtschaftete bereits 2015 100 Millionen Euro Umsatz und 2016 werden es 650 Millionen über digitale Kanäle sein.

Und auch 3D-Druck wird nicht die Massenproduktion ersetzen ist eine gewagte These. Vielleicht wird sie sie nicht gänzlich ersetzen, aber doch massiv beeinflussen. Die Möglichkeiten sind schon jetzt unbegrenzt: In Dubai entstand dieses Jahr das erste Haus, dessen Teile gedruckt wurden – in nur 19 Tagen. Passende Schuhe, ein Fahrrad, fehlende Bauteile – das alles wird es aus dem 3D-Drucker geben. Die Medizin forscht intensiv an dem 3D-Druckverfahren für Organe. Wenn das nicht revolutionär ist.

– Feick: „Selbstfahrende Autos sind noch Zukunftsmusik“

Wie man angesichts des aktuellen Wettlaufs um das Selbstfahrende Auto noch von Zukunftsmusik sprechen kann, bleibt schleierhaft – die Technologie ist doch längst Realität! Im Silicon Valley forscht man unter Hochdruck am Selbstfahrenden Auto. Im März diesen Jahres hieß es, Google betreibt eine Flotte von 20 Roboter-Automobilen, die bis dahin bereits mehr als zwei Millionen Kilometer im automatischen Betrieb zurückgelegt haben. Weitere Teilnehmer dieses Wettlaufs: Apple, Tesla, Uber – wieder Uber.  Im August gab das Unternehmen die Unterzeichnung eines mit 300 Millionen Dollar dotierten Vertrags mit dem Autohersteller Volvo bekannt: Bis 2021 wolle man gemeinsam ein vollständig autonom fahrendes Auto entwickeln. Aber auch die klassische Autoindustrie testet längst selbstfahrende Autos. Daimler will dies nach Ankündigungen aus dem letzten Jahr bereits 2020 schaffen – so oder so sind das weniger als 5 Jahre für den Massenmarkt.

– Feick: „Künstliche Intelligenz und Robotertechnik werden nicht dafür sorgen, dass tausende Menschen ihren Job verlieren.“

Es bleibt zu hoffen, dass er hier zumindest Recht behält. Die Frage aber ist berechtigt: Was passiert mit Vertrieblern, Sachbearbeitern und auch Fabrikarbeitern, deren manuelle Prozesse unbestreitbar automatisiert werden? Die heutigen Digital Natives werden keinem Versicherungsvertreter mehr die Tür öffnen. Versicherungsfälle oder Rechtsfälle werden durch Algorithmen bewertet und sortiert, die Maschine bestellt automatisiert die nötigen Teile in der Fabrik. Taxis fahren vollautomatisiert – und beim Auto hört es ja nicht auf, dies betrifft sämtliche Transportfahrzeuge, vom Lastwagen bis zum Frachtschiff. Wie sich das auf die Jobbilanz auswirkt, darüber gibt es sich widersprechende Studien und wir sind auch der Meinung, der Mensch bleibt bei der Digitalisierung ein entscheidender Faktor. Aber Fakt ist auch: es gehört zu den größten Herausforderungen im Rahmen der Digitalisierung, die Menschen bei diesem Prozess mitzunehmen und sie zu qualifizieren.

– Feick: Ketzerisch könnte ich hergehen und sagen: Diese ganze digitale Suppe haben uns die großen IT-Anbieter und IT-Beratungshäuser eingebrockt, um im zweiten Schritt ihre Dienste beim Auslöffeln derselben anzubieten. 

Wir sagen ganz unketzerisch: Wer IT-Abteilung mit der Digitalisierung beauftragt, wird scheitern. Die Kernaufgabe des IT-Leiters ist es doch, die IT-Infrastruktur fehlerfrei am Laufen zu halten und ständig weiter zu entwickeln – und das ist auch extrem wichtig. Für die Digitalisierung ist jedoch vor allem eine sehr schnelle Produktentwicklung, radikale Nutzerzentrierung und Datenfokussierung sowie Scheiterkultur und Disruption wichtig. Dies ist weitestgehend konträr zur eigentlichen DNA einer IT-Abteilung. Aus unserer Perspektive haben IT-Beratungshäuser den Trend sogar eher verschlafen. Neue Mitarbeiterprofile, für die einen ein CDO für etventure der Digital-Unternehmer, stehen heute im Mittelpunkt, die in Ihren Unternehmen neue Leadership-Modelle etablieren, neue Methoden und Vorgehensweisen einführen und damit den Wandel der Unternehmenskultur ingesamt anstoßen. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt ist doch auch: ein Unternehmen, dass sich nicht mit Zukunftstechnologien und -entwicklungen befasst, ist für potentielle Mitarbeiter heute kein attraktiver Arbeitgeber.

Unser Fazit, die im Artikel vorgebrachten Argumente gegen die digitale Revolution sind – würden sie dort stehen – das Papier nicht wert.

Natürlich passieren die Veränderungen nicht über Nacht, aber das ist auch nicht das entscheidende Charakteristikum einer Revolution. Es sind vielmehr Schnelligkeit (in der Entwicklung), Reichweite und systemische Wirkung. Die alte Industrie hat schon drei Wellen der Erneuerung hinter sich. Was einst mit der Übertragung von menschlicher Kraft auf die Maschine begann, sich in der automatisierten Fließband-Arbeit fortsetzte und schließlich den Einzug von Robotik und Computertechnik feierte, muss nun die vierte Verwandlung meistern – und die verläuft nicht linear, sondern exponentiell. Daimler will Daimler bleiben und kein Google-Klon. Auch Siemens und all die anderen Industriegiganten wissen, dass sie die Steuerung der Produktion und das Managen der Kundenbeziehungen niemals aus der Hand geben dürfen. Insofern ist Digitalisierung keine Chance, wie es sonst auch gerne heißt, sondern eine Notwendigkeit für die Erneuerung der Industriegesellschaft. Auch das Handelsblatt schrieb kürzlich: „Nur bei Strafe ihres Untergangs kann die deutsche Industrie bleiben wie sie ist.“

– Feick: „Die Kunst besteht also darin, Digitalisierung als Instrument zu sehen und es für seine Zwecke richtig einzusetzen.“

Um auch etwas positives zu nennen – das ist korrekt. Wer es aber nicht einsetzt und so schließt sich der Kreis, wird abgehängt und überlässt die Wertschöpfung anderen und die nächsten drei Jahre werden wichtiger sein als die letzten 50.

Hans-Werner Feick ist Geschäftsführer der Managementberatung kobaltblau und bewertet die Digitalisierung mit der nahezu 30-jährigen Erfahrung als IT-Managementberater – wie es bei ihm auf auf BILANZ heißt. An dieser Stelle der Hinweis: Auch Philipp Depiereux, Gründer & Geschäftsführer von etventure schreibt regelmäßig auf BILANZ, auch über Digitalisierung. Wir laden Sie herzlich ein, seine Positionen dort mitzuverfolgen. 

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